
Ein Bericht von Johann
Lambert Beckers
Meine Kindheit und Taufe beginnt in einem
Kloster St. Josef in Dalheim-Rödgen / Wegberg. An meinem zweiten
Lebenstag wurde ich im Oktober 1956 in das Heim St. Josef
eingewiesen. Meiner Mutter wurde das Kind von der Behörde
weggenommen. Die Wöchnerinnenstation und das Kinderheim, alles
in einem Komplex, wurden von Nonnen (Sr. M. Rosella) der Cellitinnen von 1922 bis
1958 betrieben. Danach hat die Karitas mit ihren Schwestern das
„Klösterchen“, wie es im Dorf genannt wird, bis 1961 den Bestand der
Kinder übernommen. Mein Bruder Raymund wurde am 30.11.1959 vom
Kinderheim Lövenich nach Kloster St. Josef überführt.
Ich kann mich noch sehr genau an die
Gitterstäbe des Kinderbettes erinnern an denen ich stundenlang
gerüttelt habe. Hinter dem Kloster gab es einen Apfelbaumgarten in
dem wir spielen durften. In diesem alten Kloster herrschten
furchtbare Zustände. Die Nonnen haben sich an diesem alten Bauernhof
sogar eine kleine Kapelle angebaut in der Sie ihren Glauben
nachgehen konnten.
Nachdem das Kinderdorf St. Josef
im
Hessenfeld, Dalheim-Rödgen, 1961 fertig gestellt
wurde sind wir in die Gruppe „5“ gekommen. Dieses Kinderdorf wurde
von Nonnen „Dominikanerinnen von Bethanien“ von 1961 bis 1972
geführt und haben sich eine Einrichtung nach ihren
Glaubensvorstellungen geschaffen. Die Caritas hat sich komplett
zurückgezogen und das alte Kloster wurde abgerissen. Mein Bruder
Raymund verstorben 1995 war 14 Monate jünger als ich und
andere Kinder. Wir waren zwischen 10 und 14 Kinder in einer Gruppe
und eine Nonne.
Mit fünf Jahren bin ich das erste Mal über die
Baustelle Kinderdorf St. Josef in Dalheim-Rödgen / Wegberg gegangen. Der
Estrich war noch nicht gelegt aber in den Waschräumen stand ein
Kanister mit einer Flüssigkeit. Wie Kinder so sind wird erstmal der
Kanister aufgeschraubt und mit einem kräftigen Zug mit der Nase
daran gerochen. Dieses Erlebnis werde ich nicht vergessen, denn es
war Salmiakgeist für die Handwerker, die damit die neuen Waschbecken
gereinigt hatten. Ich bekam keine Luft mehr und hatte
Erstickungsanfälle mit fünf Jahren. Als Maler und Lackierer habe ich den
Geruch später dann wieder erkannt.
Mit fünf Jahren kam ich in den Kindergarten und
lernte dort Schuhe zubinden. Was habe ich in der anderen Zeit
gelernt?
Einer der Gruppenschwester hieß Schwester Benigna
von den Dominikanerinnen von Bethanien und war eine von der
radikalen Sorte. Aber da gab es auch noch die Oberin Schwester
Michaela die besonders gerne zuschlug. Ihre Erziehungsmethoden werde
ich an einigen Stellen erwähnen. Da wir fast alle Bettnässer waren
mussten wir in Reih und Glied mit dem Töpfchen den ganzen morgen im
Flur sitzen und nur wer Pipi nachweisen konnte durfte aufstehen und
spielen gehen. Die gängige Methode war es mich nachts aus dem
Tiefschlaf zu reißen um dann Pipi zu machen. Ein großer Fehler weil
ich danach immer geträumt habe, dass ich auf der Toilette bin wenn
ich ins Bett gemacht habe. Wenn einer irgendetwas verbrochen hatte,
mussten sich alle in einer Reihe aufstellen und die Nonne hat sich
einen herausgepickt der die Prügel vor allen andern bekam.
Auch wenn er das überhaupt nicht wahr. Er
musste für die Tat eines anderen büßen.
Ich musste wegen des Bettnässens in eine Kur.
Dort wurde uns mit einer Spritze mit 10 cm langen Nadel gedroht.
Die bekommen wir in den Rücken wenn wir uns auch nur einmal
einnässen würden. Ich habe nach dieser Kur nicht mehr ins Bett
gemacht. Kann aber dafür nicht mehr als 10 Minuten gerade stehen
ohne schmerzen in diesem Rückenbereich zu bekommen. Als jugendlicher
war ich deswegen in ärztlicher Behandlung. Nach vierzig Jahren
erfahre ich endlich welche Qualen wir dort erleiden mussten.
Wenn der Nikolaus und der Knecht Ruprecht kamen
gab es wirklich Schläge und Demütigungen. Am schlimmsten waren die
Weihnachtsfeiern bei den Alliierten in der Kaserne. An Panzern und
Soldaten vorbei wurde aus Wiedergutmachungsversuchen eine Feier
abgehalten. Bei der Aktion wurde ein Nikolaus mit einem Hubschrauber
eingeflogen. Das blöde war nur das ich danach Alpträume von
Schiessereien im Kinderdorf hatte. Wir waren doch erst acht. Was
wollen uns diese Menschen damit sagen?
Prügel gab es von morgens bis abends. In der
Schule war es die Lehrerin Frau N. die mit dem Zeigestock aus Bambus
entweder auf die Finger schlug oder dich an der Hose über die
Schulbank zog um mit dem Stock auf den Hintern zu schlagen.
Besonders schmerzhaft wenn man eine kurze Hose getragen hatte. Dann
erreichte der Bambus deine nackten Oberschenkel. Eine beliebte
Machtdemonstrierung war es, mich vor der ganzen Klasse, die
Unterrichtsstunde, mit dem Gesicht an der Wand, in der Ecke stehen
zu lassen. Nachmittags nach der Schule wurden wir in einem Raum
gesperrt in dem wir unter Aufsicht einer älteren Dame die
Schulaufgaben machen mussten. Die drehte dir die Ohren bis dir die
Tränen kamen, nur weil Du etwas nicht verstanden hattest. Kein
Wunder, dass ich zweimal in der Schule sitzen geblieben bin. Die
anderen Kinder der Schule haben davon profitiert. Sie konnten
zusehen und sich so verhalten, dass sie nicht auffielen.
Nachdem Du dann nach dem Spielen mit
schmutzigen Sachen in die Gruppe kamst wurdest du weiter mit einer
Ohrfeige oder Trachtprügel bestraft.
Essen mussten wir was auf den Tisch kam. Ob es
Schmalz auf Brot oder Bohnen mit Fäden war, die einem im Hals
stecken blieben, es durfte nichts liegengelassen und alles
zwangsweise aufgegessen werden. Wie oft ich in letzter Sekunde zur
Toilette gerannt, um alles wieder auszukotzen, kann ich heute nicht
mehr sagen. Es wurde bei jeder Essenaufnahme vorher gebetet und dem
lieben Herr Gott gedankt, dass wir etwas zu essen hatten. Abends
wurde im Bett, vor dem schlafen gehen, immer das gleiche Ritual des
Nachtgebetes vollzogen. Mit gefalteten Händen nach oben wurde immer
der gleiche Vers gebetet. „Lieber Gott, mach mich Fromm, dass ich in
den Himmel komm“. Fernsehen gab es nur für die Nonnen. Auch das
wöchentliche Baden in Reih und Glied im gleichem Wasser war eine
peinliche und entwürdigende Prozedur. Jedes Mal die Kernseife oder
das ätzende Haarshampoo in den Augen war wirklich nicht schön. Es
wurde ja auch einfach der Brausenkopf über die Kinder gehalten. Da
gehe ich heute mit meinem Hund beim Baden sanfter um. „Schnell,
schnell der Nächste, aber zügig“, waren die Worte.
Manchmal mussten wir zur Oberin Schwester
Michaela, um auch von Ihr eine Trachtprügel mit den Hausschlappen
oder anderen Gegenständen, wie Ihre Schuhe, zu bekommen und
anschließend wurde man in einem Zimmer des Zentralgebäudes
eingesperrt und durfte mehrere Tage dort ausharren. Einmal habe
ich mir die Bettlaken und Bezüge zusammengebunden, um auszubrechen.
Bin aber schon nach der Fensterkante abgestürzt. Es spielte
überhaupt keine Rolle, ob man vorher schon von der Gruppenschwester
bestraft worden war.
Den Satz “Ich mach mir doch nicht die Hände
kaputt“ werde ich nie vergessen.
Dass ich nicht gerne nach der Schule ins
Kinderheim wollte kann man jetzt sicher verstehen und trieb mich
alleine in der Gegend herum. Obwohl man uns immer mit dem bösen Mann
mit dem großen Messer, der sich im Wald herumtreibt, bedroht hat. In
der Kirche in Dalheim-Rödgen stand wirklich immer ein dunkler Mann
an der großen Pforte und schaute ganz finster drein. Im Winter bin
ich alleine auf das frische Eis des Racki – Weihers gegangen. Mitten
im See, wo noch die Enten in einem nicht gefrorenen Bereich
schwammen, hörte ich plötzlich unter mir das Eis knirschen. Ein
Schutzengel hat mich hier vor dem Einbruch ins Eis beschützt. Kein
Baum war vor mir sicher, den ich nicht bis in die Spitze erklimmen
wollte und sei er noch so hoch. Heute würden mich keine zehn Pferde
mehr dort hochkriegen. Wir waren nur Störenfriede, die man immer
nach Draußen schickte. Egal, bei welchen Temperaturen oder Wetter.
Was habe ich mir oft einen abgefroren. Den Nonnen war es vollkommen
egal, was wir mit den Mädchen aus dem Heim im angrenzenden Wald
veranstalteten. Zur Schule durften wir nur die Werktagskleidung
tragen. Sehr peinlich gegenüber den anderen Kindern. Mann konnte uns
schon aus der ferne erkennen wo wir herkamen. Am Schuhwerk genau so
wie am Ranzen. Ich kann das gar nicht beschreiben wie wir uns
geschämt haben. Kontakt zu Mitschülern war verboten. Vom Hein aus
genau so wie von der Dorfbevölkerung. Ich habe in den ganzen Jahren
nicht einmal gesehen wie andere Menschen leben oder Eingerichtet
sind. An der Haustüre war für die Heimkinder Schluss.
Mit 8 Jahren lernte ich ein großes Damenfahrrad
kennen und versuchte mich daran. Meine Kinder können schon mit 3
Jahren Fahrrad fahren.
Die Gruppe wurde dann Januar 1969 aufgelöst und die
Kinder wurden in andere Gruppen verteilt, weil Schwester Benigna
angeblich mit den Kindern überfordert war.
Eine der Nonnen stellte einen Antrag
April 1966 (siehe Dokumente) mich und mein Bruder in ein geschlossenes
Heim mit Schulanbindung zu verlegen. Da war ich mal gerade 10 Jahre
alt. Ich möchte hier mal daran erinnern, dass ich schon als Säugling
im Heim gewesen bin. Es gab kein Elternhaus in dem ich vorher
misshandelt worden bin. Meine Erziehung liegt ganz alleine in der
Verantwortung der Nonnen. Wie kann es da sein, dass ich mit 10
Jahren nicht mehr zu ertragen war? Fast vier Jahre lang bin ich
Messdiener gewesen und habe alles gemacht was mir die Nonnen
aufgetragen haben. Sogar in der Ostermesse durfte ich mit schönster
Kinderstimme vom Altar aus das Lied „Vom Himmel hoch da komm ich
her“ laut singen. Die Nonnen waren sehr erfreut und erregt. Mein
Bruder stand neben mir und hatte die brennende Osterkerze mit
Seidentuch in den Händen gehalten.
Mit 12 Jahren kamen mein Bruder und ich in die
Gruppe 6 nach Schwester Editha. Aber auch diese Schwester ist
angeblich nicht mit mir fertig geworden. Der Gruppenwechsel ist mir
gar nicht gut bekommen. Ich war Freiwild für die anderen. Entweder
war ein Heimkind mit einem Messer hinter mir her, oder auf dem
Schulweg wurde ich von Klaus Peter W. von hinten niedergerissen und
mit einer schweren Gehirnerschütterung auf der Straße
liegengelassen. Drei Tage habe ich bei Schwester Magdalena in der
Gruppe drei im Wohnzimmer liegen müssen. Ob ein Arzt da war, keine
Ahnung. Kopfschmerzen habe ich bis heute noch davon. Als Kind war
ich im Fußballverein von Arsbeck. In der Sommerhitze mussten wir
zwei mal 30 Minuten spielen. Wir haben natürlich nichts von den
Nonnen zu trinken mitbekommen. Da habe ich das erste Mal den Begriff
Durst kennen gelernt. Erst einen Fußmarsch drei Kilometer nach
Arsbeck zum Fußballplatz und dann eine Sunde in der prallen Sonne
spielen und danach wieder in der Hitze zu Fuß drei Kilometer zurück
ins Kinderdorf. Kein Geld, kein Getränk. Ich habe gedacht ich
verrecke! Es war den Sadisten immer Egal wie wir uns fühlten. Als
Kind hatte ich jeden Sommer einen tierischen Sonnenbrand. Das
einzige was aufgetragen wurde war eine dicke Creme. Sehr schmerzhaft
auf der verbrannten Haut. Ich höre noch die Worte „Halt still und
stell Dich nicht an“. Wenn man Krank war gab es Lebertran. Einfach
nur Ekelhaft. Im Heim gab es nur einen Ort an dem ich flüchten
konnte. Das war der Schulranzenschrank unten am Boden, in dem ich
mich oft versteckte. Die gesundheitlichen Folgeschäden (physisch
und psychisch) der Heimerziehung kann ich hier aus privaten
Gründen nicht bekannt geben. Sie sind auf jedenfalls gravierend.
Im Urlaub an der Nordsee Ameland wäre ich dann
auch noch wegen fahrlässiger Aufsichtspflichtverletzung im Meer
beinahe ertrunken. Es hatte mich ein fremder Mann aus dem Meer
gerettet. Er hatte mitbekommen wie ich um mein Leben gerungen hatte.
Es waren auch die anderen Heimkinder in Gefahr geraten. Die Leute
holten aber erst die noch weiter als ich abgetrieben waren aus dem
Meer. Ich dachte noch im Todeskampf, warum hilft mir niemand!? Das
war das erste Mal, dass ich mir vor Todesangst in die Hose
geschissen habe. Selbst bei dieser Situation hatte ich Angst
bestraft zu werden und vergrub heimlich die schmutzige Badehose
hinter den Dünen. Ich habe meinen Retter nie Danken können. Und die
Nonnen haben überhaupt nichts mitbekommen.
In den kirchlichen Heimen wurden die Einkäufe
der Nonnen mit selbst gedruckten Geldscheinen realisiert. Jede
Gruppe bekam für einen Monat eine feste Geldmenge und musste so den
Einkauf der Lebensmittel im eigenen Kinderdorfladen erledigen. Die
Nonnen mussten also sehr aufpassen, was sie für das Geld einkauften,
damit es auch bis zum Monatsende reichte. So war es auch schon in
den Kinderheimen so, dass es zum Monatsende öfter mal eine
Kartoffelsuppe gab. Aber nicht so, wie wir sie heute kennen. Morgens
wurde ein Eimer Milch in die Küche gestellt der den ganzen Tag
ungekühlt herumstand. Die Milch war sehr oft sauer oder dick, wenn
wir von der Schule kamen oder nachmittags vom Spielen rein kamen und
durst hatten. Manchmal wurde ich für einen Einkauf losgeschickt.
Leider war die Gelegenheit viel zu groß, davon Süßigkeiten zu
kaufen. Ist doch auch verständlich, weil wir nur echtes Geld von
unseren Schulkameraden kannten. Was hat uns oft das Herz geblutet,
wenn die normalen Kinder in den Schulpausen sich etwas kaufen
konnten. Dann gab es eben zum Abendbrot die Restmarmelade und keinen
Aufschnitt. Oder man ging sowieso wegen Strafe ohne Essen ins Bett.
Wenn es mal Geflügel gab durfte man erstmal zusehen wie das Hühnchen
mit heißem Wasser die Federn gerupft bekam. Das durften die älteren
Mädchen aus der Gruppe machen. Ein Gestank, um nachher einen halben
Flügel abzubekommen! Die Nonne hatte ihre Freude daran zuzusehen wie
wir uns um die Hähnchenteile gestritten haben. Ich bin mir nicht
sicher, ob das überhaupt so ablaufen durfte. Warum haben wir kein
Taschengeld bekommen und warum wurden wir in einer finanziellen
Parallelwelt erzogen?
Durch verfehlte Glaubenstheologie haben die
Nonnen mir den Glauben an Gott und die Welt total zerstört. Es war
der Zwang, von 14 Jahren, drei mal die Woche in die Kirche zu
müssen. Jeden Mittwoch und Sonntag und die langen Messen der
Feiertage mussten die Heimkinder in gestriegelt guten Anziehsachen
die Kirchenprozedur über sich ergehen lassen. Den Gestank von
Weihrauch und andern Düften waren wir oft nicht gewachsen und einige
Kinder sind immer wieder in den eigenen Kinderdorfkapellen
umgefallen. Zusätzlich kam in den 60-iger Jahren der
Kirchengangzwang der Schule einmal in der Woche hinzu. Wem wundert
es da, dass heute tausende Menschen depressiv werden, wenn sie die
Glocken der Kirche hören, denn sie werden immer wieder an ihre
grausame Kindheit erinnert. Auch die Bibel ist für diese Zeit keine
Hilfe. Schande, Neid, Totschlag und Frevel ziehen sich wie ein roter
Faden durch das Buch. Die Nonnen haben einfach zuviel in diesen
Bücher gelesen und ihr Wissen daraus an den Kindern ausgelebt.
Wie kann es sonst sein, dass die Nonnen so
einen Groll auf die Kinder hatten? Nur, weil sie von den eigenen
Eltern verstoßen und ins Heim gesteckt wurden, gibt es anderen noch
lange nicht das Recht sie wie Abschaum zu behandeln und ihre
Neurosen an ihnen auszuleben. So, dann kommen wir ins Heim und
werden da von Nonnen gedemütigt, erniedrigt, geschlagen und zu
Dingen herangezogen, die sie im Elternhaus nicht erleben hätten
müssen. Wie Erbrochenes essen, nackt durch das Kinderdorf treiben
wie eine Sau durchs Dorf, Sexuelle übergriffe von Nonnen und
Personal an den Kindern. Brutalste Machtkämpfe untereinander in den
Kinderzimmern. Anschließender Schweigegeldzahlungen und Abzocke für
ehemalige Heimkinder. Da hätten wir auch zu Hause bleiben können.
Nur weil die Kirche nicht weis wohin mit der Kohle, betreiben sie
Kinderheim? Anstatt die Kinder in geprüfte Pflegefamilien kommen,
mit Aufsicht von kompetenten Stellen. Ja, selbst ich würde ein Kind
aus einer zerrütteten Familie nehmen. Persönlich kenne ich gar kein
Zuhause und wurde von klein auf in ein Heim gesteckt und durfte mich
mit andern Kindern auseinandersetzen, die wirklich aus gestörten
Familienverhältnissen kamen. Ich wurde bestimmt nicht gefragt, ob
ich mit dem fertig werde. Unsere Fluchtversuche scheiterten immer an
der Tatsache, dass wir nicht wussten wohin wir sollten. Kläglich
sind wir nachts wieder ins Heim mit Angst zurück geschlichen. Wie
kann eine Gesellschaft mit diesem gefährlichen Potential gefahrlos
leben? Der Ausbruch kann sich bis 30 Jahre durch Verdrängung
verzögern.
Herr M., damaliger erster Erzieher, Oberin
Schwester Michaela und Schwester Editha sorgten nun gemeinsam dafür,
dass ich alleine in das geschlossene Heim „Hermann-Josef-Haus“ Kall/Urft
in der Eifel am 23.04.1970 mit 13 ½ Jahren verlegt wurde.
Bei meiner Frage, wohin wir fahren, wurde nur
gesagt: “Wir machen einen Ausflug“. Das im Kofferraum der Koffer mit
meinen Anziehsachen lag, habe ich nicht gewusst.
Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich
mit fast 14 Jahren nichts, aber auch gar nichts an persönlichen
Sachen hatte. Ich konnte weder richtig lesen noch schreiben, als ich
nach Urft kam, nur die ganzen Kirchenlieder konnte ich auswendig,
weil ich ja auch fast vier Jahre lang Messdiener war und habe nie
verstanden was ich da mache! Der einzige Besitz waren
Heiligenbildchen in meinem Gebetsbuch!
Ich habe mehrere Nächte durchgeweint und
überhaupt nicht verstanden, warum man mir das angetan hat. Ich hatte
gerade meine erste Freundin „Marion“ kennen gelernt und wurde so von
ihr getrennt. Ab da gab es erstmal keine Mädchen mehr für mich, denn
es war ein reines Jungenheim. Was habe ich gemacht? Es kann mir
keiner erzählen, dass ich durch Liebesentzug, Schläge, Demütigungen,
Repudiationen der richtige Lebensweg bereitet wurde! Und was hat man
mir in Urft beigebracht? Nur das Onanieren.
Jetzt kam der zweite Teil der Misshandlungen
von Nonnen der Kongregation der Salvatorianerinnen. Dort wurde mit
Ansage geprügelt.
Es gab eine Kleiderkammer im Dachgeschoß, bei
der man um 19:00 Uhr erscheinen musste.
Die Prügel wurden von Schwester Carmen mit dem
Kleiderbügel vollzogen, bis dieser auf deinem Rücken zerbrach. Eine
Belastung die ich gar nicht beschreiben kann. Auch dort wurde
fleißig weggesperrt. Dieses Kabüffchen war die Besenkammer mit einer
ovalen Dachluke, in der die alten Aufnehmer über die Blecheimer
hingen und Reinigungsmittel standen. Ein Gestank, der mir heute noch
in der Nase liegt. Einmal habe ich versucht dort auszubrechen und
wäre beinahe aus sieben Meter Höhe von der maroden Dachrinne auf den
Betonboden geprallt. Auch hier hatte ich einen Schutzengel. Es gab
nur einen Schlafraum mit 12 Metallbetten, in dem die Gruppe um 8 Uhr
schlafen musste. Und wehe, Du hast nach dem „Licht aus“ mit deinem
Nachbarn gesprochen, da hieß es, im Schlafanzug in die Besenkammer
zum Abfrieren. Ach hier gab es furchtbare blutige Machtkämpfe
untereinander. Alles Dinge, die meine Kinder nicht miterleben
müssen.
Herr Koch, eine große dunkle Gestallt, war
einer der Lehrer dieser Anstalt und hatte einen Mundgeruch, der das
ganze Schulzimmer verseuchte. Das hat mich so angeekelt, dass ich
nur noch auf den Schulschluss wartete. Gelernt habe ich dort
übrigens überhaupt nichts. Kontakte zur Außenwelt gab es nicht. Die
Nonnen machten täglich lange Ausflüge in den Eifeler Wald. Dort
wurden Pilze gesammelt die wir dann abends unter Zwang essen
mussten.
Ich verbrachte nur 14 Monate dort und wurde
dann glücklicherweise am 21.06.1971 nach Hennef in den Abtshof
verlegt. An dieser Stelle möchte ich mich bei einer Jugendrichterin
bedanken, zu der ich bis heute eine persönliche Freundschaft halte.
Sie hat gesehen, dass ich da nicht hingehöre. Was haben die Nonnen
für ein Theater gemacht, als ich das erste Mal am Wochenende mit der
Richterin nach Köln zu einer Musikaufführung in die Uni gefahren
bin! Es könnte ja was über die fragwürdigen Erziehungsmethoden
herauskommen! Plötzlich war die Zeit des Schlagens vorbei! Ich
durfte Schach lernen und hatte eine andere Stellung im Heim!
In Hennef habe ich das erste Mal ein
Taschengeld erhalten. 5 DM in der Woche. Mit 16 Jahren konnte ich
mir nun endlich mal persönliche Dinge kaufen. Ein Plattenspieler war
meine erste Anschaffung, um endlich die „Rockmusik“ zu hören.
Doch auch da gab es eine geschlossene Gruppe 4
mit Gefängnis ähnlichen Zellen, in denen man ohne Verfahren und nach
Willkür der Erzieher mal für ein paar Tage weggesperrt wurde. Ich
habe dort öfter eingesessen als mir lieb war und frage mich heute
warum? Dort gab es zwar keine Prügel von den Erziehern, aber man
musste sich von dem physisch labilen Heimbewohner in Acht nehmen.
Gut das ich so schnell zu Fuß war, wenn diese Irren, mit einem
großen Metallaschenbecher, Nitroverdünnung oder Hammer hinter Dir
her waren. Nur einmal habe ich einen knallharten Gesichtsschlag von einem
neuen unerfahrenen Erzieher bekommen. Meine Reaktion darauf hat mir
gezeigt, was für ein Potential in mir steckt und ich habe mich
gewundert, dass ich so austicken
kann. Und wer wurde in eine andere Gruppe verlegt? Der Erzieher
bestimmt nicht.
Als ich 17 Jahre alt war, hat mein Vater
versucht mich kennen zu lernen. Er hat sich die Mühe gemacht,
herauszufinden wo ich war, um mich endlich kennenzulernen, doch der
Landschaftsverband Reinland war der Auffassung, es würde mir schaden
und hat ihn einfach weggeschickt. Bis heute habe ich meinen Vater
nicht kennen gelernt. Was erlauben sich Erzieher hier an dieser
Stelle. In einem Jahr wurde ich 18 und volljährig. Danach hat man
uns in die Wildnis „Leben“ entlassen und keinen hat es interessiert,
wer dir jetzt Lebenshilfe gibt.
Mit fast 18 Jahren kam ich, während meine Lehre
zum Maler und Lackierer, in eine Wohngemeinschaft mit
Verpflegungsangebot. Ein Jugendlicher dieser Wohngemeinschaft hat
sich an einem Baum aufgehängt, weil er sich kein Mofa von dem Geld
kaufen durfte, was er sich in der Gärtnerei verdient hat. Ab hier
beginnt der Kontakt mit dem Tot meiner Freunde und Bekannter. Alle
Gräber auf meiner Homepage sind Heimkinder, die es nicht geschafft
haben. Sie wurden nicht mal 40 Jahre alt. Als Kind misshandelt und
nur ausgenutzt. Keiner hatte eine Ausbildung. Die Lehre habe ich
geschafft, aber arbeiten war überhaupt nicht möglich. Die Spielerei
im Abtshof mit den Farbtöpfchen war mit der rauen Realität nicht
vereinbar. Wir haben weder „Pfusch am Bau“ noch schnelles arbeiten
gelernt. Untauglich für die Wirklichkeit und den Arbeitsmarkt. Der
Abtshof ist wohl auch aus diesen Gründen geschlossen worden. Jetzt
darf ich zum Anwalt gehen, wegen der Nichtgezahlten Sozialbeiträge
in der Zeit vom 21.06.1971-01.04.1972. In meinem Rentenverlauf
taucht diese Zeit auf jedenfalls nicht auf. In diesem Jugendheim
mussten wir für die Industrie Lackstifte in Akkord auf einer
Produktionsstraße herstellen. Dieser Gestank von verdunsteten
Verdünnungsmitteln hat mir fast das Gehirn verbrannt. In den 70igern
gab es keine Kontrollen oder Abzugsanlagen für giftige Dämpfe. Es
war nichts anderes als Pattex schnüffeln in der Plastiktüte. Wir
waren den ganzen Tag total benebelt. Die Werkstätten sind auf meiner
Homepage ganz unten zu sehen. Ich kann mir heute nicht mehr
vorstellen, so eine Arbeit, selbst unter Zwang, zu machen. Aber was
soll man als 14 Jähriger machen, der nichts anderes als Heim,
Unterdrückung und Schläge kannte. Als ich mit der Malerlehre fertig
war, habe ich für einen Monat in einem Betrieb gearbeitet. Dort wäre
ich durch Einatmen von Tiefengrund fast vom Gerüst gefallen. Ich
merkte nur, wie mir ganz plötzlich schwindelig wurde und habe mich
mit letzter Kraft vom Gerüst gerettet und in die Rabatten gekotzt.
Ich arbeitete ganz alleine und keinem wäre es aufgefallen, wenn ich
abgestürzt wäre. Eine Woche später sollte ich mit einem 15 Kg Eimer
Farbe außen an einem Gerüst 15 Meter hochklettern. Ungesichert. An
dem Tag habe ich alles hingeschmissen und den Beruf Maler und
Lackier an den Nagel gehängt. Ich habe 52 Kg gewogen war 1,68 m groß
und sollte Herkules spielen. In meiner Akte lese ich heute ärztliche
Atteste, dass ich den Beruf überhaupt nicht wegen meiner gekrümmten
(verprügelten) Wirbelsäule ausüben darf. An dieser Stelle möchte ich
mich bei dem Landschaftsverband Reinland für die Führsorgehölle
bedanken!
Ich wollte eigentlich die Lehre zum Elektriker
machen, aber die Heimleitung war der Meinung, dass ich dafür nicht
geeignet bin. Heute bin ich Staatlich geprüfter Elektrotechniker mir
dem Schwerpunkt Elektronik. Schon merkwürdig, dass immer andere
genau wissen was für dich gut ist. Nach meiner Volljährigkeit habe
ich mich in meinen eigenen vier Wänden das erste Mal sicher und
zufrieden gefühlt. Ab jetzt fing ich an das versäumte wieder
einzuholen. Machte meine Mittlere Reife und lernte mein ganzes Leben
lang. Nur waren die anderen mir immer einen Schritt voraus. Ich habe
es nie geschafft sie einzuholen. Nach 35 Jahren versuche ich nun,
mit dieser Seite, mich gegen dieses Regime zur wehr zusetzen.
1995 ist mein Bruder nachts mit dem Taxi in das Kinderdorf St. Josef gefahren und hat um
Hilfe gebeten. An dem Ort in dem auch er eine misshandelte Kindheit
erfahren musste. Man hat ihn fortgejagt und da hat er sich vor
lauter Verzweiflung mit seinem Gürtel an den Kinderdorfbaum erhängt,
so die damalige Meinung.
Eine klare unterlassene Hilfeleistung mit Todesfolge der Caritas
Heinsberg. Er ist der zweite Mensch der an diesem Baum sein Leben
gelassen hat. Ich habe sein Erbe angetreten! Ein paar Schuhe, eine
Uhr, eine
Börse mit 50 Pfennige waren alles was nach 38 Jahren von ihm übrig
geblieben ist. Die Beerdigungskoten sind auch an mir hängen
geblieben.
Die moderne Kommunikationstechnik macht es erst
möglich, diese brutalen Menschenquäler ihre verlogene Vergangenheit
vorzuspiegeln. Verkrümeln sich hinter dicken Mauern und lassen es
sich gut gehen auf kosten anderer. Und nun müssen wir von Hartz IV
leben, weil die Gesellschaft uns ab 45 Jahren nicht mehr braucht.
Mein Bericht bezieht sich nur auf mein
Schicksal von etwa einer Million anderer Heimkinder im Heim. Und es
gibt viele die es noch viel, viel schlimmer erwischt haben. Sie
können sich aber nicht erklären und verschweigen selbst in der
eigenen Familie ihre Vergangenheit.
Durch psychische, physische und verbale Gewalt
wurde mir meine Kindheit geraubt. Durch den Entzug von Fürsorge,
Zuneigung und Liebe lebt unser eins nur halb so lange, wie die
Anderen. All diese Probleme die ich nach der Odyssee „Heim“ erleben
musste finden sich in meiner Kindheit wieder. Und das mit dem Segen
der katholischen Kirche.
Erst jetzt, nach dem ich selber eine 13 jährige
Tochter habe, kann ich erkennen welche Versäumnisse an uns Kinder
verübt worden sind. Es ging hier nur um Ausbeutung der
Gesellschaft, denn ein Kinderheimplatz war auch damals nicht billig.
Ich fordere Entschuldigungen, Wiedergutmachung
und Schadensersatz für die Misshandlungen an Schutzbefohlenen.
(c) Beckers
2005
Warum steht Raymund Beckers
Tod im Kinderdorf?
http://kommissarinternet.blogspot.com/2009_01_01_archive.html
Nun sind 6 Jahre vergangen und die Verrechen an meiner Person und
Familie sind nicht gesühnt worden. Daher werde ich meine Peiniger nun
selbst zur Rechenschaft ziehen.