Kindheit

18.08.11

 

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Die zerstörte Kindheit  

 

Ein Bericht von Johann Lambert Beckers

Meine Kindheit und Taufe beginnt in einem Kloster St. Josef in Dalheim-Rödgen / Wegberg. An meinem zweiten Lebenstag wurde ich im Oktober 1956 in das Heim St. Josef eingewiesen. Meiner Mutter wurde das Kind von der Behörde weggenommen. Die Wöchnerinnenstation und das Kinderheim, alles in einem Komplex, wurden von Nonnen (Sr. M. Rosella)  der Cellitinnen von 1922 bis 1958 betrieben. Danach hat die Karitas mit ihren Schwestern das „Klösterchen“, wie es im Dorf genannt wird, bis 1961 den Bestand der Kinder übernommen. Mein Bruder Raymund wurde am 30.11.1959 vom Kinderheim Lövenich nach Kloster St. Josef überführt.

Ich kann mich noch sehr genau an die Gitterstäbe des Kinderbettes erinnern an denen ich stundenlang gerüttelt habe. Hinter dem Kloster gab es einen Apfelbaumgarten in dem wir spielen durften. In diesem alten Kloster herrschten furchtbare Zustände. Die Nonnen haben sich an diesem alten Bauernhof sogar eine kleine Kapelle angebaut in der Sie ihren Glauben nachgehen konnten.

Nachdem das Kinderdorf St. Josef im Hessenfeld, Dalheim-Rödgen, 1961 fertig gestellt wurde sind wir in die Gruppe „5“ gekommen. Dieses Kinderdorf wurde von Nonnen „Dominikanerinnen von Bethanien“ von 1961 bis 1972 geführt und haben sich eine Einrichtung nach ihren Glaubensvorstellungen geschaffen. Die Caritas hat sich komplett zurückgezogen und das alte Kloster wurde abgerissen. Mein Bruder Raymund verstorben 1995 war 14 Monate jünger als ich und andere Kinder. Wir waren zwischen 10 und 14 Kinder in einer Gruppe und eine Nonne. 

Mit fünf Jahren bin ich das erste Mal über die Baustelle Kinderdorf St. Josef in Dalheim-Rödgen / Wegberg gegangen. Der Estrich war noch nicht gelegt aber in den Waschräumen stand ein Kanister mit einer Flüssigkeit. Wie Kinder so sind wird erstmal der Kanister aufgeschraubt und mit einem kräftigen Zug mit der Nase daran gerochen. Dieses Erlebnis werde ich nicht vergessen, denn es war Salmiakgeist für die Handwerker, die damit die neuen Waschbecken gereinigt hatten. Ich bekam keine Luft mehr und hatte Erstickungsanfälle mit fünf Jahren. Als Maler und Lackierer habe ich den Geruch später dann wieder erkannt.

Mit fünf Jahren kam ich in den Kindergarten und lernte dort Schuhe zubinden. Was habe ich in der anderen Zeit gelernt?

Einer der  Gruppenschwester hieß Schwester Benigna von den Dominikanerinnen von Bethanien und war eine von der radikalen Sorte. Aber da gab es auch noch die Oberin Schwester Michaela die besonders gerne zuschlug. Ihre Erziehungsmethoden werde ich an einigen Stellen erwähnen. Da wir fast alle Bettnässer waren  mussten wir in Reih und Glied mit dem Töpfchen den ganzen morgen im Flur sitzen und nur wer Pipi nachweisen konnte durfte aufstehen und spielen gehen. Die gängige Methode war es mich nachts aus dem Tiefschlaf zu reißen um dann Pipi zu machen. Ein großer Fehler weil ich danach immer geträumt habe, dass ich auf der Toilette bin wenn ich ins Bett gemacht habe. Wenn einer irgendetwas verbrochen hatte, mussten sich alle in einer Reihe aufstellen und die Nonne hat sich einen herausgepickt der die Prügel vor allen andern bekam.

Auch wenn er das überhaupt nicht wahr. Er musste für die Tat eines anderen büßen.

Ich musste wegen des Bettnässens in eine Kur. Dort  wurde uns mit einer Spritze mit 10 cm langen Nadel gedroht. Die bekommen wir in den Rücken wenn wir uns auch nur einmal einnässen würden. Ich habe nach dieser Kur nicht mehr ins Bett gemacht. Kann aber dafür nicht mehr als 10 Minuten gerade stehen ohne schmerzen in diesem Rückenbereich zu bekommen. Als jugendlicher war ich deswegen in ärztlicher Behandlung. Nach vierzig Jahren erfahre ich endlich welche Qualen wir dort erleiden mussten.

Wenn der Nikolaus und der Knecht Ruprecht kamen gab es wirklich Schläge und Demütigungen. Am schlimmsten waren die Weihnachtsfeiern bei den Alliierten in der Kaserne. An Panzern und Soldaten vorbei wurde aus Wiedergutmachungsversuchen eine Feier abgehalten. Bei der Aktion wurde ein Nikolaus mit einem Hubschrauber eingeflogen. Das blöde war nur das ich danach Alpträume von Schiessereien im Kinderdorf hatte. Wir waren doch erst acht. Was wollen uns diese Menschen damit sagen?

Prügel gab es von morgens bis abends. In der Schule war es die Lehrerin Frau N. die mit dem Zeigestock aus Bambus entweder auf die Finger schlug oder dich an der Hose über die Schulbank zog um mit dem Stock auf den Hintern zu schlagen. Besonders schmerzhaft wenn man eine kurze Hose getragen hatte. Dann erreichte der Bambus deine nackten Oberschenkel. Eine beliebte Machtdemonstrierung war es, mich vor der ganzen Klasse, die Unterrichtsstunde, mit dem Gesicht an der Wand, in der Ecke stehen zu lassen. Nachmittags nach der Schule wurden wir in einem Raum gesperrt in dem wir unter Aufsicht einer älteren Dame die Schulaufgaben machen mussten. Die drehte dir die Ohren bis dir die Tränen kamen, nur weil Du etwas nicht verstanden hattest. Kein Wunder, dass ich zweimal in der Schule sitzen geblieben bin. Die anderen Kinder der Schule haben davon profitiert. Sie konnten zusehen und sich so verhalten, dass sie nicht auffielen.

Nachdem Du dann nach dem Spielen mit schmutzigen Sachen in die Gruppe kamst wurdest du weiter mit einer Ohrfeige oder Trachtprügel bestraft.

Essen mussten wir was auf den Tisch kam. Ob es Schmalz auf Brot oder Bohnen mit Fäden war, die einem im Hals stecken blieben, es durfte nichts liegengelassen und alles zwangsweise aufgegessen werden. Wie oft ich in letzter Sekunde zur Toilette gerannt, um alles wieder auszukotzen, kann ich heute nicht mehr sagen. Es wurde bei jeder Essenaufnahme vorher gebetet und dem lieben Herr Gott gedankt, dass wir etwas zu essen hatten. Abends wurde im Bett, vor dem schlafen gehen, immer das gleiche Ritual des Nachtgebetes vollzogen. Mit gefalteten Händen nach oben wurde immer der gleiche Vers gebetet. „Lieber Gott, mach mich Fromm, dass ich in den Himmel komm“. Fernsehen gab es nur für die Nonnen. Auch das wöchentliche Baden in Reih und Glied im gleichem Wasser war eine peinliche und entwürdigende Prozedur. Jedes Mal die Kernseife oder das ätzende Haarshampoo in den Augen war wirklich nicht schön. Es wurde ja auch einfach der Brausenkopf über die Kinder gehalten. Da gehe ich heute mit meinem Hund beim Baden sanfter um. „Schnell, schnell der Nächste, aber zügig“, waren die Worte.

Manchmal mussten wir zur Oberin Schwester Michaela, um auch von Ihr eine Trachtprügel mit den Hausschlappen oder anderen Gegenständen, wie Ihre Schuhe, zu bekommen und anschließend wurde man in einem Zimmer des Zentralgebäudes eingesperrt und durfte mehrere Tage dort ausharren. Einmal habe ich mir die Bettlaken und Bezüge  zusammengebunden, um auszubrechen. Bin aber schon nach der Fensterkante abgestürzt. Es spielte überhaupt keine Rolle, ob man vorher schon von der Gruppenschwester bestraft worden war.

Den Satz “Ich mach mir doch nicht die Hände kaputt“ werde ich nie vergessen.

Dass ich nicht gerne nach der Schule ins Kinderheim wollte kann man jetzt sicher verstehen und trieb mich alleine in der Gegend herum. Obwohl man uns immer mit dem bösen Mann mit dem großen Messer, der sich im Wald herumtreibt, bedroht hat. In der Kirche in Dalheim-Rödgen stand wirklich immer ein dunkler Mann an der großen Pforte und schaute ganz finster drein. Im Winter bin ich alleine auf das frische Eis des Racki – Weihers gegangen. Mitten im See, wo noch die Enten in einem nicht gefrorenen Bereich schwammen, hörte ich plötzlich unter mir das Eis knirschen. Ein Schutzengel hat mich hier vor dem Einbruch ins Eis beschützt. Kein Baum war vor mir sicher, den ich nicht bis in die Spitze erklimmen wollte und sei er noch so hoch. Heute würden mich keine zehn Pferde mehr dort hochkriegen. Wir waren nur Störenfriede, die man immer nach Draußen schickte. Egal, bei welchen Temperaturen oder Wetter. Was habe ich mir oft einen abgefroren. Den Nonnen war es vollkommen egal, was wir mit den Mädchen aus dem Heim im angrenzenden Wald veranstalteten. Zur Schule durften wir nur die Werktagskleidung tragen. Sehr peinlich gegenüber den anderen Kindern. Mann konnte uns schon aus der ferne erkennen wo wir herkamen. Am Schuhwerk genau so wie am Ranzen. Ich kann das gar nicht beschreiben wie wir uns geschämt haben. Kontakt zu Mitschülern war verboten. Vom Hein aus genau so wie von der Dorfbevölkerung. Ich habe in den ganzen Jahren nicht einmal gesehen wie andere Menschen leben oder Eingerichtet sind. An der Haustüre war für die Heimkinder Schluss.

Mit 8 Jahren lernte ich ein großes Damenfahrrad kennen und versuchte mich daran. Meine Kinder können schon mit 3 Jahren Fahrrad fahren.

Die Gruppe wurde dann Januar 1969 aufgelöst und die Kinder wurden in andere Gruppen verteilt, weil Schwester Benigna angeblich mit den Kindern überfordert war.

Eine der Nonnen stellte einen Antrag April 1966 (siehe Dokumente) mich und mein Bruder in ein geschlossenes Heim mit Schulanbindung zu verlegen. Da war ich mal gerade 10 Jahre alt. Ich möchte hier mal daran erinnern, dass ich schon als Säugling im Heim gewesen bin. Es gab kein Elternhaus in dem ich vorher misshandelt worden bin. Meine Erziehung liegt ganz alleine in der Verantwortung der Nonnen. Wie kann es da sein, dass ich mit 10 Jahren nicht mehr zu ertragen war? Fast vier Jahre lang bin ich Messdiener gewesen und habe alles gemacht was mir die Nonnen aufgetragen haben. Sogar in der Ostermesse durfte ich mit schönster Kinderstimme vom Altar aus das Lied „Vom Himmel hoch da komm ich her“ laut singen. Die Nonnen waren sehr erfreut und erregt. Mein Bruder stand neben mir und hatte die brennende Osterkerze mit Seidentuch in den Händen gehalten.

Mit 12 Jahren kamen mein Bruder und ich in die Gruppe 6 nach Schwester Editha. Aber auch diese Schwester ist angeblich nicht mit mir fertig geworden. Der Gruppenwechsel ist mir gar nicht gut bekommen. Ich war Freiwild für die anderen. Entweder war ein Heimkind mit einem Messer hinter mir her, oder auf dem Schulweg wurde ich von Klaus Peter W. von hinten niedergerissen und mit einer schweren Gehirnerschütterung auf der Straße liegengelassen. Drei Tage habe ich bei Schwester Magdalena in der Gruppe drei im Wohnzimmer liegen müssen. Ob ein Arzt da war, keine Ahnung. Kopfschmerzen habe ich bis heute noch davon. Als Kind war ich im Fußballverein von Arsbeck. In der Sommerhitze mussten wir zwei mal 30 Minuten spielen. Wir haben natürlich nichts von den Nonnen zu trinken mitbekommen. Da habe ich das erste Mal den Begriff Durst kennen gelernt. Erst einen Fußmarsch drei Kilometer nach Arsbeck zum Fußballplatz und dann eine Sunde in der prallen Sonne spielen und danach wieder in der Hitze zu Fuß drei Kilometer zurück ins Kinderdorf. Kein Geld, kein Getränk. Ich habe gedacht ich verrecke! Es war den Sadisten immer Egal wie wir uns fühlten. Als Kind hatte ich jeden Sommer einen tierischen Sonnenbrand. Das einzige was aufgetragen wurde war eine dicke Creme. Sehr schmerzhaft auf der verbrannten Haut. Ich höre noch die Worte „Halt still und stell Dich nicht an“. Wenn man Krank war gab es Lebertran. Einfach nur Ekelhaft. Im Heim gab es nur einen Ort an dem ich flüchten konnte. Das war der Schulranzenschrank unten am Boden, in dem ich mich oft versteckte. Die gesundheitlichen Folgeschäden (physisch und psychisch) der Heimerziehung kann ich hier aus privaten Gründen nicht bekannt geben. Sie sind auf jedenfalls gravierend.

Im Urlaub an der Nordsee Ameland wäre ich dann auch noch wegen fahrlässiger Aufsichtspflichtverletzung im Meer beinahe ertrunken. Es hatte mich ein fremder Mann aus dem Meer gerettet. Er hatte mitbekommen wie ich um mein Leben gerungen hatte. Es waren auch die anderen Heimkinder in Gefahr geraten. Die Leute holten aber erst die noch weiter als ich abgetrieben waren aus dem Meer. Ich dachte noch im Todeskampf, warum hilft mir niemand!? Das war das erste Mal, dass ich mir vor Todesangst in die Hose geschissen habe. Selbst bei dieser Situation hatte ich Angst bestraft zu werden und vergrub heimlich die schmutzige Badehose hinter den Dünen. Ich habe meinen Retter nie Danken können. Und die Nonnen haben überhaupt nichts mitbekommen.

In den kirchlichen Heimen wurden die Einkäufe der Nonnen mit selbst gedruckten Geldscheinen realisiert. Jede Gruppe bekam für einen Monat eine feste Geldmenge und musste so den Einkauf der Lebensmittel im eigenen Kinderdorfladen erledigen. Die Nonnen mussten also sehr aufpassen, was sie für das Geld einkauften, damit es auch bis zum Monatsende reichte. So war es auch schon in den Kinderheimen so, dass es zum Monatsende öfter mal eine Kartoffelsuppe gab. Aber nicht so, wie wir sie heute kennen. Morgens wurde ein Eimer Milch in die Küche gestellt der den ganzen Tag ungekühlt herumstand. Die Milch war sehr oft sauer oder dick, wenn wir von der Schule kamen oder nachmittags vom Spielen rein kamen und durst hatten. Manchmal wurde ich für einen Einkauf losgeschickt. Leider war die Gelegenheit viel zu groß, davon Süßigkeiten zu kaufen. Ist doch auch verständlich, weil wir nur echtes Geld von unseren Schulkameraden kannten. Was hat uns oft das Herz geblutet, wenn die normalen Kinder in den Schulpausen sich etwas kaufen konnten. Dann gab es eben zum Abendbrot die Restmarmelade und keinen Aufschnitt. Oder man ging sowieso wegen Strafe ohne Essen ins Bett. Wenn es mal Geflügel gab durfte man erstmal zusehen wie das Hühnchen mit heißem Wasser die Federn gerupft bekam. Das durften die älteren Mädchen aus der Gruppe machen. Ein Gestank, um nachher einen halben Flügel abzubekommen! Die Nonne hatte ihre Freude daran zuzusehen wie wir uns um die Hähnchenteile gestritten haben. Ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt so ablaufen durfte. Warum haben wir kein Taschengeld bekommen und warum wurden wir in einer finanziellen Parallelwelt erzogen?

Durch verfehlte Glaubenstheologie haben die Nonnen mir den Glauben an Gott und die Welt total zerstört. Es war der Zwang, von 14 Jahren, drei mal die Woche in die Kirche zu müssen. Jeden Mittwoch und Sonntag und die langen Messen der Feiertage mussten die Heimkinder in gestriegelt guten Anziehsachen die Kirchenprozedur über sich ergehen lassen. Den Gestank von Weihrauch und andern Düften waren wir oft nicht gewachsen und einige Kinder sind immer wieder in den eigenen Kinderdorfkapellen umgefallen. Zusätzlich kam in den 60-iger Jahren der Kirchengangzwang der Schule einmal in der Woche hinzu. Wem wundert es da, dass heute tausende Menschen depressiv werden, wenn sie die Glocken der Kirche hören, denn sie werden immer wieder an ihre grausame Kindheit erinnert. Auch die Bibel ist für diese Zeit keine Hilfe. Schande, Neid, Totschlag und Frevel ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Die Nonnen haben einfach zuviel in diesen Bücher gelesen und ihr Wissen daraus an den Kindern ausgelebt.

Wie kann es sonst sein, dass die Nonnen so einen Groll auf die Kinder hatten? Nur, weil sie von den eigenen Eltern verstoßen und ins Heim gesteckt wurden, gibt es anderen noch lange nicht das Recht sie wie Abschaum zu behandeln und ihre Neurosen an ihnen auszuleben. So, dann kommen wir ins Heim und werden da von Nonnen gedemütigt, erniedrigt, geschlagen und zu Dingen herangezogen, die sie im Elternhaus nicht erleben hätten müssen. Wie Erbrochenes essen, nackt durch das Kinderdorf treiben wie eine Sau durchs Dorf, Sexuelle übergriffe von Nonnen und Personal an den Kindern. Brutalste Machtkämpfe untereinander in den Kinderzimmern. Anschließender Schweigegeldzahlungen und Abzocke für ehemalige Heimkinder. Da hätten wir auch zu Hause bleiben können. Nur weil die Kirche nicht weis wohin mit der Kohle, betreiben sie Kinderheim? Anstatt die Kinder in geprüfte Pflegefamilien kommen, mit Aufsicht von kompetenten Stellen. Ja, selbst ich würde ein Kind aus einer zerrütteten Familie nehmen. Persönlich kenne ich gar kein Zuhause und wurde von klein auf in ein Heim gesteckt und durfte mich mit andern Kindern auseinandersetzen, die wirklich aus gestörten Familienverhältnissen kamen. Ich wurde bestimmt nicht gefragt, ob ich mit dem fertig werde. Unsere Fluchtversuche scheiterten immer an der Tatsache, dass wir nicht wussten wohin wir sollten. Kläglich sind wir nachts wieder ins Heim mit Angst zurück geschlichen. Wie kann eine Gesellschaft mit diesem gefährlichen Potential gefahrlos leben? Der Ausbruch kann sich bis 30 Jahre durch Verdrängung verzögern.

Herr M., damaliger erster Erzieher, Oberin Schwester Michaela und Schwester Editha sorgten nun gemeinsam dafür, dass ich alleine in das geschlossene Heim „Hermann-Josef-Haus“ Kall/Urft in der Eifel am 23.04.1970 mit 13 ½ Jahren verlegt wurde.

Bei meiner Frage, wohin wir fahren, wurde nur gesagt: “Wir machen einen Ausflug“. Das im Kofferraum der Koffer mit meinen Anziehsachen lag, habe ich nicht gewusst.

Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass ich mit fast 14 Jahren nichts, aber auch gar nichts an persönlichen Sachen hatte. Ich konnte weder richtig lesen noch schreiben, als ich nach Urft kam, nur die ganzen Kirchenlieder konnte ich auswendig, weil ich ja auch fast vier Jahre lang Messdiener war und habe nie verstanden was ich da mache! Der einzige Besitz waren Heiligenbildchen in meinem Gebetsbuch!

Ich habe mehrere Nächte durchgeweint und überhaupt nicht verstanden, warum man mir das angetan hat. Ich hatte gerade meine erste Freundin „Marion“ kennen gelernt und wurde so von ihr getrennt. Ab da gab es erstmal keine Mädchen mehr für mich, denn es war ein reines Jungenheim. Was habe ich gemacht? Es kann mir keiner erzählen, dass ich durch Liebesentzug, Schläge, Demütigungen, Repudiationen der richtige Lebensweg bereitet wurde! Und was hat man mir in Urft beigebracht? Nur das Onanieren.

Jetzt kam der zweite Teil der Misshandlungen von Nonnen der Kongregation der Salvatorianerinnen. Dort wurde mit Ansage geprügelt.

Es gab eine Kleiderkammer im Dachgeschoß, bei der man um 19:00 Uhr erscheinen musste.

Die Prügel wurden von Schwester Carmen mit dem Kleiderbügel vollzogen, bis dieser auf deinem Rücken zerbrach. Eine Belastung die ich gar nicht beschreiben kann. Auch dort wurde fleißig weggesperrt. Dieses Kabüffchen war die Besenkammer mit einer ovalen Dachluke, in der die alten Aufnehmer über die Blecheimer hingen und Reinigungsmittel standen. Ein Gestank, der mir heute noch in der Nase liegt. Einmal habe ich versucht dort auszubrechen und wäre beinahe aus sieben Meter Höhe von der maroden Dachrinne auf den Betonboden geprallt. Auch hier hatte ich einen Schutzengel. Es gab nur einen Schlafraum mit 12 Metallbetten, in dem die Gruppe um 8 Uhr schlafen musste. Und wehe, Du hast nach dem „Licht aus“ mit deinem Nachbarn gesprochen, da hieß es, im Schlafanzug in die Besenkammer zum Abfrieren. Ach hier gab es furchtbare blutige Machtkämpfe untereinander. Alles Dinge, die meine Kinder nicht miterleben müssen.

Herr Koch, eine große dunkle Gestallt, war einer der Lehrer dieser Anstalt und hatte einen Mundgeruch, der das ganze Schulzimmer verseuchte. Das hat mich so angeekelt, dass ich nur noch auf den Schulschluss wartete. Gelernt habe ich dort übrigens überhaupt nichts. Kontakte zur Außenwelt gab es nicht. Die Nonnen machten täglich lange Ausflüge in den Eifeler Wald. Dort wurden Pilze gesammelt die wir dann abends unter Zwang essen mussten.

Ich verbrachte nur 14 Monate dort und wurde dann glücklicherweise am 21.06.1971 nach Hennef in den Abtshof verlegt. An dieser Stelle möchte ich mich bei einer Jugendrichterin bedanken, zu der ich bis heute eine persönliche Freundschaft halte. Sie hat gesehen, dass ich da nicht hingehöre. Was haben die Nonnen für ein Theater gemacht, als ich das erste Mal am Wochenende mit der Richterin nach Köln zu einer Musikaufführung in die Uni gefahren bin! Es könnte ja was über die fragwürdigen Erziehungsmethoden herauskommen! Plötzlich war die Zeit des Schlagens vorbei! Ich durfte Schach lernen und hatte eine andere Stellung im Heim!

In Hennef habe ich das erste Mal ein Taschengeld erhalten. 5 DM in der Woche. Mit 16 Jahren konnte ich mir nun endlich mal persönliche Dinge kaufen. Ein Plattenspieler war meine erste Anschaffung, um endlich die „Rockmusik“ zu hören.

Doch auch da gab es eine geschlossene Gruppe 4 mit Gefängnis ähnlichen Zellen, in denen man ohne Verfahren und nach Willkür der Erzieher mal für ein paar Tage weggesperrt wurde. Ich habe dort öfter eingesessen als mir lieb war und frage mich heute warum? Dort gab es zwar keine Prügel von den Erziehern, aber man musste sich von dem physisch labilen Heimbewohner in Acht nehmen. Gut das ich so schnell zu Fuß war, wenn diese Irren, mit einem großen Metallaschenbecher, Nitroverdünnung oder Hammer hinter Dir her waren. Nur einmal habe ich einen knallharten Gesichtsschlag von einem neuen unerfahrenen Erzieher bekommen. Meine Reaktion darauf hat mir gezeigt, was für ein Potential in mir steckt und ich habe mich gewundert, dass ich so austicken kann. Und wer wurde in eine andere Gruppe verlegt? Der Erzieher bestimmt nicht.

Als ich 17 Jahre alt war, hat mein Vater versucht mich kennen zu lernen. Er hat sich die Mühe gemacht, herauszufinden wo ich war, um mich  endlich kennenzulernen, doch der Landschaftsverband Reinland war der Auffassung, es würde mir schaden und hat ihn einfach weggeschickt. Bis heute habe ich meinen Vater nicht kennen gelernt. Was erlauben sich Erzieher hier an dieser Stelle. In einem Jahr wurde ich 18 und volljährig. Danach hat man uns in die Wildnis „Leben“ entlassen und keinen hat es interessiert, wer dir jetzt Lebenshilfe gibt.

Mit fast 18 Jahren kam ich, während meine Lehre zum Maler und Lackierer, in eine Wohngemeinschaft mit Verpflegungsangebot. Ein Jugendlicher dieser Wohngemeinschaft hat sich an einem Baum aufgehängt, weil er sich kein Mofa von dem Geld kaufen durfte, was er sich in der Gärtnerei verdient hat. Ab hier beginnt der Kontakt mit dem Tot meiner Freunde und Bekannter. Alle Gräber auf meiner Homepage sind Heimkinder, die es nicht geschafft haben. Sie wurden nicht mal 40 Jahre alt. Als Kind misshandelt und nur ausgenutzt. Keiner hatte eine Ausbildung. Die Lehre habe ich geschafft, aber arbeiten war überhaupt nicht möglich. Die Spielerei im Abtshof mit den Farbtöpfchen war mit der rauen Realität nicht vereinbar. Wir haben weder „Pfusch  am Bau“ noch schnelles arbeiten gelernt. Untauglich für die Wirklichkeit und den Arbeitsmarkt. Der Abtshof ist wohl auch aus diesen Gründen geschlossen worden. Jetzt darf ich zum Anwalt gehen, wegen der Nichtgezahlten Sozialbeiträge in der Zeit vom 21.06.1971-01.04.1972. In meinem Rentenverlauf taucht diese Zeit auf jedenfalls nicht auf. In diesem Jugendheim mussten wir für die Industrie Lackstifte in Akkord auf einer Produktionsstraße herstellen. Dieser Gestank von verdunsteten Verdünnungsmitteln hat mir fast das Gehirn verbrannt. In den 70igern gab es keine Kontrollen oder Abzugsanlagen für giftige Dämpfe. Es war nichts anderes als Pattex schnüffeln in der Plastiktüte. Wir waren den ganzen Tag total benebelt. Die Werkstätten sind auf meiner Homepage ganz unten zu sehen. Ich kann mir heute nicht mehr vorstellen, so eine Arbeit, selbst unter Zwang, zu machen. Aber was soll man als 14 Jähriger machen, der nichts anderes als Heim, Unterdrückung und Schläge kannte. Als ich mit der Malerlehre fertig war, habe ich für einen Monat in einem Betrieb gearbeitet. Dort wäre ich durch Einatmen von Tiefengrund fast vom Gerüst gefallen. Ich merkte nur, wie mir ganz plötzlich schwindelig wurde und habe mich mit letzter Kraft vom Gerüst gerettet und in die Rabatten gekotzt. Ich arbeitete ganz alleine und keinem wäre es aufgefallen, wenn ich abgestürzt wäre. Eine Woche später sollte ich mit einem 15 Kg Eimer Farbe außen an einem Gerüst 15 Meter hochklettern. Ungesichert. An dem Tag habe ich alles hingeschmissen und den Beruf Maler und Lackier an den Nagel gehängt. Ich habe 52 Kg gewogen war 1,68 m groß und sollte Herkules spielen. In meiner Akte lese ich heute ärztliche Atteste, dass ich den Beruf überhaupt nicht wegen meiner gekrümmten (verprügelten) Wirbelsäule ausüben darf. An dieser Stelle möchte ich mich bei dem Landschaftsverband Reinland für die Führsorgehölle bedanken!

Ich wollte eigentlich die Lehre zum Elektriker machen, aber die Heimleitung war der Meinung, dass ich dafür nicht geeignet bin. Heute bin ich Staatlich geprüfter Elektrotechniker mir dem Schwerpunkt Elektronik. Schon merkwürdig, dass immer andere genau wissen was für dich gut ist. Nach meiner Volljährigkeit habe ich mich in meinen eigenen vier Wänden das erste Mal sicher und zufrieden gefühlt. Ab jetzt fing ich an das versäumte wieder einzuholen. Machte meine Mittlere Reife und lernte mein ganzes Leben lang. Nur waren die anderen mir immer einen Schritt voraus. Ich habe es nie geschafft sie einzuholen. Nach 35 Jahren versuche ich nun, mit dieser Seite, mich gegen dieses Regime zur wehr zusetzen.

1995 ist mein Bruder nachts mit dem Taxi in das Kinderdorf St. Josef gefahren und hat um Hilfe gebeten. An dem Ort in dem auch er eine misshandelte Kindheit erfahren musste. Man hat ihn fortgejagt und da hat er sich vor lauter Verzweiflung mit seinem Gürtel an den Kinderdorfbaum erhängt, so die damalige Meinung. Eine klare unterlassene Hilfeleistung mit Todesfolge der Caritas Heinsberg. Er ist der zweite Mensch der an diesem Baum sein Leben gelassen hat. Ich habe sein Erbe angetreten! Ein paar Schuhe, eine Uhr, eine Börse mit 50 Pfennige waren alles was nach 38 Jahren von ihm übrig geblieben ist. Die Beerdigungskoten sind auch an mir hängen geblieben.

Die moderne Kommunikationstechnik macht es erst möglich, diese brutalen Menschenquäler ihre verlogene Vergangenheit vorzuspiegeln. Verkrümeln sich hinter dicken Mauern und lassen es sich gut gehen auf kosten anderer. Und nun müssen wir von Hartz IV leben, weil die Gesellschaft uns ab 45 Jahren nicht mehr braucht.

Mein Bericht bezieht sich nur auf mein Schicksal von etwa einer Million anderer Heimkinder im Heim. Und es gibt viele die es noch viel, viel schlimmer erwischt haben. Sie können sich aber nicht erklären und verschweigen selbst in der eigenen Familie ihre Vergangenheit.

Durch psychische, physische und verbale Gewalt wurde mir meine Kindheit geraubt. Durch den Entzug von Fürsorge, Zuneigung und Liebe lebt unser eins nur halb so lange, wie die Anderen. All diese Probleme die ich nach der Odyssee „Heim“ erleben musste finden sich in meiner Kindheit wieder. Und das mit dem Segen der katholischen Kirche.

Erst jetzt, nach dem ich selber eine 13 jährige Tochter habe, kann ich erkennen welche Versäumnisse an uns Kinder verübt worden sind. Es ging hier nur um Ausbeutung der Gesellschaft, denn ein Kinderheimplatz war auch damals nicht billig.

Ich fordere Entschuldigungen, Wiedergutmachung und Schadensersatz für die Misshandlungen an Schutzbefohlenen.

 (c) Beckers 2005

Warum steht Raymund Beckers Tod im Kinderdorf?

http://kommissarinternet.blogspot.com/2009_01_01_archive.html

Nun sind 6 Jahre vergangen und die Verrechen an meiner Person und Familie sind nicht gesühnt worden. Daher werde ich meine Peiniger nun selbst zur Rechenschaft ziehen.

 

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Stand: 15.08.11

Sand